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LokalesWuppertalKultur
19. April 2009 - 15:05 Uhr
Der lange Weg ins Orchester
Auswahlverfahren: Vera Milicevic hat es geschafft: Sie ist Cellistin im Sinfonieorchester. Pro Stelle gibt es rund 100 bis 150 Bewerber.
 
 

Wuppertal. Viele musikbegeisterte Jugendliche träumen davon, Orchestermusiker zu werden. Doch nur die wenigsten schaffen es. Am Anfang steht die Aufnahmeprüfung an den Musikhochschulen, dann kommen die Abschlussprüfung und das Probespiel.

Vera Milicevic, Cellistin des Wuppertaler Sinfonieorchesters, hatte beispielsweise erst eineinhalb Jahre lang in ihrer Heimatstadt Belgrad in Serbien Cello studiert. Dann wechselte sie nach Freiburg, studierte dort weitere vier Jahre bis zum Diplom und nochmals drei Jahre in Mannheim bis zum Konzertexamen, dem höchsten Abschluss deutscher Musikhochschulen.

Laut Tarifvertrag müssen Orchestermusiker im Schnitt acht Dienste pro Woche absolvieren. Ein Dienst entspricht entweder einer dreistündigen Probe oder einer Aufführung. Lange Opern wie „Tristan und Isolde“ zählen als zwei Dienste. Die üblichen Probezeiten sind von 10 bis 13 oder 19 bis 22 Uhr. Jeweils zwei Wochen im Voraus erhalten die Orchestermitglieder Dienstpläne.
Ein lediger Tutti-Streicher eines A-Orchesters verdient zu Beginn seiner Laufbahn im Monat laut Tarifvertrag 2568,01 Euro pro Monat. Ein entsprechender Solo-Bläser erhält 3176,50 Euro monatlich.
Die Wochenenden sind fast immer belegt. Bei groß besetzten Aufführungen ist es auch bei wichtigen persönlichen Terminen nahezu unmöglich, frei zu bekommen. Zusätzlich üben die Musiker täglich. Vera Milicevic etwa spielt zu Hause meistens vier Stunden pro Tag. „Letzten Sommer habe ich zum ersten Mal drei Wochen lang nicht gespielt. Da habe ich zwei Wochen gebraucht, um mich wieder mit dem Instrument wohl zu fühlen.“ Außerdem treten viele Orchestermusiker in Kammermusikensembles auf oder helfen bei anderen Orchestern aus.
Die Instrumente gehören meist den Musikern. Manche haben dafür hohe fünfstellige Beträge investiert. Zusätzlich entstehen laufende Kosten wie Saiten, Überholungen oder neue Blätter für Blasinstrumente.

Gleichzeitig war sie Stipendiatin der „Villa Musica“: „Da hat man die Möglichkeit, mit ganz tollen Leuten Kammermusik zu spielen.“ Bis zu sechs Stunden täglich saß sie am Cello. Bereits ein Jahr vor ihrem Konzertexamens-Abschluss absolvierte Milicevic ihr erstes Probespiel: „Ich kenne viele Studenten, die ein Probespiel nach dem anderen machen und keine Stelle finden.“ Doch die Cellistin hatte Glück: Schon beim zweiten Versuch klappte es. Rund sechs Monate, nachdem sie sich in Wuppertal beworben hatte, kam die Einladung zum Probespiel.

Schon die Einladung ist eine große Auszeichnung. „Bei Streicher-Stellen bekommen wir meist mehr als 100 Bewerbungen, bei Bläsern sogar 150“, sagt Orchestervorstand Werner Riegler. Mindestens die Hälfte davon sind Frauen, ein großer Prozentsatz Ausländer. Anhand der Lehrer werden dann Erfolg versprechende Kandidaten ausgesucht: „Gut ist auch, wenn jemand schon Orchestererfahrung vorweisen kann.“

„Wenn ich morgen Probe und abends Aufführung habe, übe ich dazwischen nur zwei Stunden, damit ich abends noch fit bin.“

Vera Milicevic, Cellistin

Wer älter als 30 ist, hat kaum noch Chancen. Rund 20 bis 25 Musiker werden zum Probespiel eingeladen. Mindestens die Hälfte der Orchestermusiker müssen dabei anwesend sein, die jeweilige Instrumentengruppe vollständig. Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka ist immer dabei und hat ein Veto-Recht. In der ersten Runde spielen die Kandidaten ein klassisches Konzert hinter einem Paravent, damit ihre Identität geheim bleibt. Die Nervenbelastung ist für die Probanten enorm hoch.

In demokratischer Abstimmung wählt das Orchester anschließend, wer in die nächste Runde darf. Kriterien sind die Intonation, das Zusammenspiel, Rhythmik und natürlich der Klang. „Gerade bei Bläsern gibt es da große Geschmacksunterschiede“, erklärt Riegler. Meist seien sich die Orchestermitglieder jedoch einig.

In der zweiten Runde bieten die meist acht bis zehn Bewerber ein romantisches Konzert zur Klavierbegleitung, in der spärlich besetzten dritten Runde sind es technisch besonders schwere Stellen aus der Orchester- und Opernliteratur. „Es passiert relativ oft, dass unter den Bewerbern gar niemand geeignet ist und wir das Probespiel vorzeitig abbrechen“, sagt Riegler. Manchmal sind fünf oder sechs Probespiele nötig, um eine Stelle zu besetzen. Wer bestanden hat, bekommt zunächst einen Jahresvertrag.

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„Ich habe dann abwechselnd mit allen Kollegen am Pult gespielt. Da fühlt man sich schon ziemlich beobachtet“, sagt Milicevic. „Wenn ich morgens Probe und abends Aufführung habe, übe ich dazwischen nur zwei Stunden, damit ich abends noch fit bin.“

Die neuen Mitglieder müssen besonders die anspruchsvollen Stücke mitspielen, um ihr Können zu beweisen. Nach drei Monaten stimmen die Orchestermitglieder dann erstmals über die Neulinge ab, nach einem Jahr endgültig. Sind alle zufrieden, bekommt der junge Musiker einen unbefristeten Vertrag.

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