Herr Louis, Sie sind seit dem 1. Februar neuer Orchesterdirektor der Sinfoniker. Mit welchem Ziel sind Sie angetreten?
HeinerLouis: Das Sinfonieorchester ist in einem sehr guten Zustand, und ich sehe keinen Grund, warum wir das Potenzial, das immer noch im Orchester schlummert, nicht wecken sollten. Nur wenn alle Akteure am gleichen Strang ziehen, kann sich das Orchester weiter entwickeln. Dabei sehe ich gute Möglichkeiten, den Aktionsradius weiter auszuweiten.
Damit sind sicherlich Gastspiele und Tourneen gemeint.
Louis: Genau. Natürlich muss das Ziel sein, die Gastspiele auszubauen – allerdings nicht um jeden Preis. Ich lebe nach dem Prinzip: Lieber langsam eine Stufe gehen, die man nicht zurück muss, als auf einer Treppe zwei oder drei auf einmal zu nehmen, die man später unter Umständen zurückgeht. Ich möchte nicht übereilig handeln, sondern meine Arbeit solide machen.
„Wir sind ein Orchester mit sehr sehr guter Qualität, aber wir sind nicht die Berliner Philharmoniker.“
Die Entwicklung ist mehr als solide. Die Zuschauerzahlen steigen, die Einnahmen ebenso. Wo stehen Wuppertals Sinfoniker?
Louis: Wir sind ein Orchester mit sehr sehr guter Qualität, aber wir sind nicht die Berliner Philharmoniker. Wir müssen die Konzerthäuser darauf aufmerksam machen, wie gut wir sind.
Qualität überzeugt zwar, aber man muss erst einmal einen Fuß in die Saaltüren bekommen.
Louis: Vor allem in der aktuellen Wirtschaftskrise, in der Veranstalter viel vorsichtiger agieren als früher. Das Orchester über die Region hinaus bekannter zu machen, kann deshalb nur ein langfristiges Projekt sein. Wenn ich sehe, wie andere A-Orchester mit Stellen zum Marketing und Schuld-Education ausgestattet sind, bewegen wir uns am unteren Limit. Umso bemerkenswerter ist, mit welchem Engagement sich die Musiker für ihr Orchester einsetzen – auch ehrenamtlich.
Welche Gastspiele sind derzeit konkret in Planung?
Louis: Mailand und Neapel.
In Neapel würde das Wuppertaler Orchester zum ersten Mal spielen.
Louis: Ja, das wäre ein neues Einsatzgebiet.
Und sicherlich genauso gut für den Ruf wie für die Kasse. Im vergangenen Jahr hat das Orchester ein sattes Plus eingefahren. Das Einnahmeziel von 512000 Euro wurde um 160000 Euro überschritten. Wie kam es? Durch die Gastspiele?
Louis: Ja, auch. Aber vor allem durch die gestiegenen Zuschauerzahlen.
Mehr als 37100 Zuhörer haben 2008 die Konzerte des Orchesters besucht. Hält die positive Entwicklung an?
Louis: Bei den Sinfoniekonzerten steigen die Zahlen nach wie vor leicht an. Und was mich besonders freut: Die Kammerkonzerte sind sehr gut verkauft. Ich komme ja aus der Festival-Landschaft und habe da ganz andere Erfahrungen gemacht.
Das spricht dafür, dass es in Wuppertal nicht nur viele Musik-Liebhaber, sondern vor allem auch viele Musik-Kenner gibt.
Louis: Das stimmt. Aber ich denke, die Haupterklärung ist, dass es eine große Identifikation mit dem Orchester gibt. Die Wuppertaler haben einen Bezug zu ihrem Orchester. Die beiden Ebenen, Bühne und Zuschauer, sind nicht streng getrennt. Schon bei meinen ersten Konzerten habe ich gemerkt: Man winkt sich zu, man kennt sich. Wuppertal hat ein Orchester zum Anfassen.
Wuppertals Sinfoniker sind vielseitig und inzwischen auch sehr gefragt, wenn es um Filmmusik geht. Wird dieses Standbein weiter ausgebaut?
Louis: Das hat in der Tat einen Multiplikations-Effekt. Wir werden jetzt öfter angesprochen und machen zum Beispiel eine CD-Aufnahme für Universal Korea – mit einem asiatischen Tenor. Das sind schöne Projekte, mit denen wir Geld verdienen und unser Renommee steigern können.
So ergibt ein Projekt das andere?
Louis: Ein gutes Beispiel ist Köln. Am 26. und 27. Juni spielen wir in der Philharmonie und präsentieren Mahlers 8. Symphonie Es-Dur – zusammen mit dem Deutz-Chor Köln. Heinz Walter Florin, der Dirigent, hatte mit den Sinfonikern schon einmal Filmmusik eingespielt und war vom Orchester begeistert. Jetzt hat er gefragt, ob wir nach Köln kommen wollen.
In welchem Film geben die Sinfoniker als nächstes den Ton an?
Louis: Es gibt viele Anfragen, zwei mussten wir gerade absagen. Das Problem ist, dass die Produktionsfirmen kurzfristig planen. Denn die Filmmusik wird erst aufgenommen, wenn alles geschnitten ist. Wenn ein Auftrag dann in unseren Dienstplan passt, ist das ein Glücksfall. Zumal sich die Musiker freuen, nun wieder verstärkt Operndienste zu machen. Sie begreifen sich nicht nur als Sinfonieorchester, sondern durchaus auch als Opern-Orchester.
Wie gefällt Ihnen selbst das sanierte Opernhaus?
Louis: Gut. Vor zehn Jahren hätte es mir vermutlich noch nicht so gut gefallen wie jetzt, aber die 50er Jahre sind ja wieder im Kommen. Das blau-rote Treppenhaus finde ich einfach genial. Die Oper ist zwar eng, aber es ist ein sehr schönes Haus.
Welche Musik hören Sie privat?
Louis: Ich höre so gut wie nichts aus der Konserve – höchstens, wenn ich mein Repertoire auffrischen muss. Ich bin überzeugt davon, dass man klassische Musik live anhören muss.
Ihre Frau ist Pianistin. Da können Sie sicher täglich ein Live-Erlebnis genießen.
Louis: Stimmt. Das ist ein unglaublicher Luxus.
Spielen Sie auch selbst Klavier?
Louis: Ja – wenn meine Frau nicht zu Hause ist. Mittlerweile ist es zwar nicht mehr ganz so schlimm, vor ihr zu spielen. Aber Hemmungen habe ich immer noch...




